Heute war ein intensiver Tag.

Es stand der Aufstieg zum höchsten Punkt des gesamten spanischen Camino Frances an, an dem ein Highlight des Weges, das Cruz de Ferro zu finden ist.

Danach der anschließende Abstieg mit grandiosen Ausblicken weit über die galizianische Landschaft… und ich hatte mal wieder super Laufbegleitung: Michael aus Aschaffenburg, den ich am Abend zuvor in Rabanal getroffen hatte :

Wir machten uns heute morgen früh gegen 6 Uhr auf um vor dem Abstieg noch einmal den Sonnenaufgang in den Bergen genießen zu können, sowie um vor der Ankunft der Pilgerscharen am Cruz de Ferro etwas Ruhe zur Einkehr zu haben.

Das Cruz markiert ungefähr den höchsten Punkt des Weges, ist ein Kreuz auf einem langen Holzpfahl und eine wichtige Station für viele Pilger.

Es herrscht der Brauch, dass man etwas von zu Hause mitbringt, oft ein Stein, den man am Kreuz ablegt. Diese buchstäblich abgelegte Last steht symbolisch für etwas, mit dem man abschließen oder von dem man sich lösen möchte… die Motive sind hierbei so vielfältig und individuell wie die Pilger, die den Weg gehen.

Es waren auch Fotos, Briefe, Traueranzeigen, Spielchips, leere Weinflaschen,  Zigarettenpackungen und andere persönliche Dinge unter dem Kreuz zu sehen…

Ich denke seit Tagen darüber nach, was diese Station für mich persönlich bedeutet. Hier hatte ich ja bereits darüber geschrieben.

Ich habe keinen Stein mitgebracht. Für mich hat sich erst auf dem Weg herauskristallisiert, was ich gerne am Kreuz und auf der Reise hinter mir lassen möchte.

Es sind drei Eigenschaften, die mich in meinem Handeln behindern oder ausbremsen, ich habe versucht, drei treffende Worte zu finden, was mir nicht ganz leicht fiel…hierfür habe ich mich entschieden:

1. Selbstzerstörung

Das Wort klingt etwas hart. Viel im weitesten Sinne selbstzerstörerisches Verhalten konnte ich die letzten Jahre bereits ablegen und durch positives Denken und Handeln ersetzen… aber dieses Wort steht für mich unter Anderem dafür, keinen Alkohol mehr zu trinken. Spätestens nach einem bewegenden Gespräch auf dem Weg ist es mir klar geworden.

Alkohol macht nicht glücklich, sondern schafft nur die Illusion von Spaß und Gemeinschaftsgefühl. Dazu ist es alles andere als förderlich für meinen Marathonplan im Herbst.

Der Abschied fällt mir seit der bewussten Entscheidung auch einfach, auf Parties werde ich gegen die Gewohnheit ankämpfen müssen, aber dafür wartet der Zugewinn eines klaren Kopfs, geschärfter Sinne und stabiler sportlicher Leistungsfähigkeit auf mich.

2. Angst

Dieses Wort steht für die Angst vor der Ungewissenheit, Angst vor der Zukunft, Angst verlassen zu werden, Angst, dass einfach alles was ich mir vornehme schief geht, Angst dass ich für etwas nicht gut genug bin, Angst vorm Scheitern.

Ich habe das Gefühl, Angst lässt einen verkrampfen, man versucht alle Fäden in der Hand zu halten um zu verhindern, dass die gefürchteten Szenarien eintreten.

Ich kann mein Schicksal nicht kontrollieren, daher möchte ich darauf vertrauen dass alles gut wird, für den Moment leben und Dinge ausprobieren, die mir am Herzen liegen.

3. Zweifel

An mir selber, meinem Können, meiner Persönlichkeit, meinem Talent, meinen Ideen. Niemand ist perfekt und kein Meister vom Himmel gefallen, es gibt auch bereits Dinge in denen ich gut bin und sogar Dinge die ich richtig gut kann, andere Dinge die ich weiter ausprobieren und lernen möchte.

Zum Beispiel fiel mir die Entscheidung den Blog zu starten wirklich schwer, nicht weil ich mir nicht sicher war ob ich Lust dazu hätte, sondern einfach aus dem Zweifel heraus, ob ihn irgend jemand lesen wollen würde… was aber kein Grund sein kann, es gar nicht erst zu machen!
Im Endeffekt ist es doch egal ob drei oder dreitausend Menschen diesen Text lesen (und mittlerweile sind es sogar noch viele mehr), solange ich selber Spaß und das Gefühl habe etwas Tolles auf die Beine zu stellen 🙂

Santiago ist nur noch 200km entfernt. Verrückt, oder?

Ich bin so froh, dass mir noch Zeit bis zum ersten August bleibt, die Strecke weiterhin in meinem Tempo zu laufen und alles ganz entspannt anzugehen.

Der Rest des Tages war einfach nur super lustig.

Wir haben die Wanderung unter Anderem damit verbracht, den Lebensweg von Sankt Jakob und die Entstehung des Jakobsweges umzudichten, inklusive Oktopussen, Ufoflugtests und Jesus als erstem Kampfpiloten der Sternenflotte 😉

Außerdem stellten wir die Vermutung auf, dass der Jakobsweg eine große Kulisse und die anderen Pilger Statisten seien, die heimlich mit dem Bus von A nach B führen, da wir auf dem Weg mal wieder fast niemanden sahen, am Zielpunkt dann aber alle wiedertrafen, die am Morgen mit uns losgelaufen waren!

Die Sonne war zu stark heute 😉

Ganz besonders großen Spaß hatten wir auch im Dorf vor Molinaseca, als wir sahen dass der Glockenturm der Kirche frei begehbar war und man die Glocken läuten durfte…

Gerade nach dem Cruz de Ferro war das ein genialer Abschluss der heutigen Wanderung, ein weiterer kleiner Befreiungsschlag! 🙂

So ihr lieben, morgen gehts fleißig immer weiter Santiago entgegen, und jetzt wird fleißig geschlafen… Gute Nacht! <3