Santiago ist nicht mehr weit.

Ich bin gut voran gekommen die letzten Wochen. Noch immer bleibt mir fast ein ganzer Monat Zeit, um das Leben hier auf dem Camino zu genießen, dem Jakobsweg, der quer durch Spanien führt und in seiner unendlichen Vielfalt mit jedem Tag und jeder Etappe neue Wunder bereithält… wenn man bereit ist, sie zu entdecken!

Seit Beginn der Reise habe ich knapp 500 Kilometer zu Fuß zurück gelegt, oft über die Schmerzgrenze hinaus, mit dem Gedanken „Ein Stück geht noch… ein Dorf noch… bis zur nächsten Herberge… „ Und ich liebe diese Herausforderung, das Schmerzen der Muskeln, das Gefühl zu spüren, wie der Körper mit jedem Tag stärker wird, sich an die Belastung adaptiert.
Doch langsam, nach ungefähr drei Wochen, in denen ich immer mehr in den Rhythmus aus Gehen, Schreiben und Malen finde, beginne ich auch im Kopf zu verstehen was diese Reise ausmacht, was man nur sehen kann wenn man sich Zeit gibt durchzuatmen, und die Tagesplanung beiseite legt…

Die Entschleunigung

Zuerst durch die erzwungene Erkenntnis, dass 5 Kilometer einfach mal immer eine Strecke von ungefähr einer Stunde sind. Dass jedes Gramm Besitz im Rucksack Dich auch ein bisschen schwerer und langsamer macht, dass manchmal der nächste kleine Laden eine Tagesreise entfernt ist, oder der Besitzer sich gerade heute mal einen Tag frei gönnt und nach der nachmittäglichen Fiesta einfach nicht wieder öffnet.

Das Glück im Detail

Heute morgen saß ich im Dorfgarten von Rabanal.

Ein Meer aus Blumen, reife Beeren, summende Bienen und Reste zerfallener Steinhäuser, eine wunderschöne Holzbank im Schatten eines Baumes. Zum Mittag habe ich mir Zuckermelone aus dem kleinen Laden nebenan geholt, nun sitze ich in der Cafeteria der Herberge „del Pilar“… in der mir eine unglaubliche Herzlichkeit entgegenweht und ein kleiner Hund -mal wieder namens Dani- um meine Füße hüpft 🙂 Ich schreibe am Blog und lausche dabei einem Boyband-Klassiker nach dem Anderen aus dem spanischen Radio.

Das sind nur ein paar Momente des Tages, ich könnte Dir unendlich viele weitere beschreiben… ist das Leben nicht schön?

Der Minimalismus

Wenn das zweite Tshirt verloren geht und Dir nur noch ein Oberteil bleibt, wird eben so gewaschen, dass das verbleibende Top noch am selben Tag in der Sonne trocknen kann. Wenn es keine Küche in der Herberge gibt, gibt es Brot mit Guacamole aus Avocado und Tomate, oder einen Salat aus Kichererbsen und frischem Gemüse…zubereitet mit dem Klappmesser, auf dem Deckel der Tupperdose.

Alles was ich brauche, passt in einen 38-Liter Rucksack. Internet benötige ich nicht öfter als es Wlan gibt und Fernsehen sowieso nicht, zum Schlafen reicht eine Matratze, auf die ich meinen Schlafsack legen kann. (Und im besten Fall eine Wolldecke, für die Frostbeule No.1 in der Geschichte des Caminos. ;))

Die Verbundenheit

Wie kann es sein, dass ganze Herbergen hier Kost und Logis anbieten, komplett auf Spendenbasis? Dass Pilger abends Gerichte zubereiten, soviel dass die gesamte Herberge davon satt wird? Dass Jeder auf den Anderen achtet, sich gegenseitig hilft, Gespräche führt ganz ungeachtet dessen, dass man kein Wort der Sprache versteht in der der Andere gerade redet? Ich denke, hier auf dem Jakobsweg wird offensichtlich, dass es ohne Gemeinschaft nicht geht, dass man gemeinsam weiter kommt als allein, glücklicher ist als allein. Und vielleicht merkt man auch, wieviel Freude es macht, Wertschätzung für das Wirken Anderer zu zeigen, statt auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.

Heute bin ich lediglich 7km von El Ganso nach Rabanal gegangen, denn ich möchte weg vom Leistungsgedanken, auch hier auf dem Camino.

Ich möchte Zeit haben, jedes Detail und die Stimmung der ganzen kleinen Örtchen und Landschaften in mir aufzunehmen. Ich möchte in der Sonne liegen, im Schatten sitzen, mir Zeit für meine Gedanken nehmen und Dich auf dieser Reise mitnehmen, virtuell und gedanklich hautnah hier in der Tasche meines Rucksacks, einen Blick über meine Schulter werfend auf alles, was auch ich sehen kann.

Dazu läuft ja auch immernoch die Kartenaktion, und nun habe ich endlich die Ruhe mich an die verbleibenden Bestellungen zu setzen und weiterhin in jede Karte ein Stück Herz und Caminogefühl zu legen!

Falls Du noch nichts von der Aktion weißt, hier eine kleine Zusammenfassung:

Während der Reise male ich mit professionellen Markern selbstentworfene Karten, jede Einzelne in ca. 5 – 10 Stunden Arbeit, die ich gegen eine frei gewählte Spende direkt vom Weg nach Hause verschicke. Die Hälfte jeder Spende geht dabei an den Lebenshof Land der Tiere für gerettete Tiere in der Nähe von Hamburg. So unglaublich viele Menschen haben bereits mitgemacht, dass ich wahrscheinlich für diese Aktion erstmal keine Kartenbestellungen mehr annehmen kann, wenn Du die Aktion trotzdem noch unterstützen möchtest geht das sehr einfach z.B. via Paypal (danieladudalski@gmail.com).

Ich bin froh, nach den vielen harten Tagen endlich das Gefühl des Friedens erreicht zu haben, mein Kopf quillt über an Ideen und positiven Gedanken!

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