Im dritten Kapitel geht es heute um einen überfüllten Jakobsweg und die Frage: Benötigt das Pilgern Prinzipien? Dazu passend werden die Etappen Lavra – Barcelinhos – Balugães – Ponte de Lima im Jakobsweg Tagebuch vorgestellt.

„Der Jakobsweg ist voll.“

Kommt dir diese Aussage bekannt vor? Seit ich mich vor zwei Jahren das erste Mal mit den verschiedenen Jakobswegen beschäftigt habe, lese ich diesen Satz sehr häufig. 

Deutsche Pilger, die auf Hapes Spuren wandern, amerikanische Pilger, die diesen (unfassbar schlechten) Jakobsweg-Film „The Way“ gesehen haben, Menschenmassen, Bettenknappheit…

Ich machte letztes Jahr auf dem Camino Francés eine komplett gegenteilige Erfahrung.

Ich hatte, trotz Hauptsaison, auf dem französischen Jakobsweg nie Probleme ein Bett zu finden. Und das, obwohl ich oft erst gegen Mittag startete und pünktlich zur Schließzeit in der nächsten Herberge ankam. Ich achtete lediglich darauf, die Haupt-Etappenziele nach Möglichkeit zu vermeiden. Stattdessen kam ich eher in kleineren Dörfern unter oder machte Halt an unbekannteren Stationen.

Der Betten-Notstand auf dem Caminho Português

Auch dieses Jahr, zum Start auf dem Portugiesischen Jakobsweg, las ich in den einschlägigen Pilgergruppen auf Facebook wieder die Information, dass zu viele Pilger für zu wenig Herbergen unterwegs seien.

Angeblich sollen sich die Besucherzahlen auf dem Caminho Português in den letzten Jahren vervielfacht haben: Von 1500 Pilgern im Jahr 2000 auf unglaubliche 52.000 Pilger im Jahr 2016! (Quelle: Jakobus-Info)

Ich machte mir dazu wenige Gedanken. Im Gegenteil. Ein wenig abschätzig betrachtete ich die Pilger*innen schon, die ihre Unterkünfte jeweils ein, zwei Tage im Voraus reservierten. Denn Pilgern heißt doch schließlich: Annehmen, was kommt. Nicht voraus planen und darauf vertrauen, dass der Weg schon irgendwie dafür sorgen wird, dass man ein warmes Plätzchen für die Nacht findet.

Der Weg gibt dir, was du brauchst

Nach meiner Nacht auf dem Campingplatz Orbitur-Angeiras, kurz hinter Porto, ging es auf der – übrigens wieder wunderschönen – zweiten Etappe weiter am Wasser entlang und dann ins Landesinnere.

Da ich an den Tagen zuvor je über 25 Kilometer zurück gelegt hatte, freute ich mich auf eine kürzere Etappe. Mein Ziel: Eine private Herberge in Pedra Furada, 18 Kilometer entfernt.

Jedoch: In der Herberge, die auf der weiteren Strecke die einzige Unterkunft darstellen sollte, wurde mir mitgeteilt, dass sie komplett ausgebucht seien – für die nächsten zwei Tage!

Mir blieb also nichts anderes übrig, als gegen 16 Uhr nochmal 9 Kilometer in Angriff zu nehmen und doch die knapp 30 Kilometer bis Barcelinhos zu laufen. Hier sollte es laut Wanderführer die nächsten Pilgerbetten geben.

„Halb so schlimm“, dachte ich mir. Es sind nur ein paar Stunden mehr laufen, das kann vorkommen. Ein weiterer Pilger, der noch auf der Strecke war, war da wohl anderer Meinung und versuchte – vergeblich – die Strecke bis zum nächsten Ort zu trampen.

Ausgebucht

Auch in Barcelinhos hing bei der ersten Herberge, zu der ich kam, bereits ein Schild in der Tür .

„Ausgebucht“ 

Schließlich erreichte ich mit schwindendem Licht in der Herberge der Folkloregruppe an und hatte Glück, hier eines der letzten noch freien Bett zu bekommen.

Am nächsten Morgen kam ich mit Thomaš aus der Slovakei sowie Max und seiner 70-jährigen Großmutter aus Thüringen ins Gespräch.

Diese hatte am Vorabend ein ähnliches Schicksal wie mich getroffen… mit dem Unterschied:

Sie hatten aufgrund der Bettenknappheit je über 40 bzw. sogar über 50 Kilometer zurückgelegt!

Neuer Tag, neues Pech

Thomaš war tatsächlich 54 Kilometer in seiner ersten Jakobsweg Etappe gelaufen, von Porto bis nach Barcelinhos.

Dementsprechend hatte er am nächsten Tag auch Probleme mit seinen Füßen. Ich begleitete ihn ein Stück und wir verstanden uns so gut, dass wir, ehe wir uns versahen, die Etappe gemeinsam zurücklegten. Unser gemeinsames Ziel war die Herberge Casa Fernanda, knapp 20 Kilometer hinter Barcelinhos.

Doch bereits auf dem Weg erfuhren wir von anderen Pilgern:

„…Ausgebucht.“

Nicht nur die Casa Fernanda, auch alle Alternativen in der Nähe. Wir schauten uns an. Mit dem Muskelkater und dem Zustand der Blasen an unseren Füßen, sowie Thomaš derzeitiger Geschwindigkeit befand sich Ponte Lima eigentlich außerhalb unserer Reichweite. Mit zusammengebissenen Zähnen machten wir uns weiter auf den Weg. Wir stellten uns darauf ein, erst am späten Abend unser Ziel zu erreichen.

Doch dann, gegen Abend, tauchten vor uns am Weg plötzlich die Gittertore eines alten Anwesens auf.

Die Sterne sowie die Tripadvisor-Bewertung am Klingelschild ließen auf einen gesalzenen Preis schließen. Doch in unserem derzeitigen Zustand hätten wir zu diesem Zeitpunkt wohl fast jeden Preis gezahlt.

Ein standfester Herbergsvater

Fünf Minuten später: Schlechte Nachrichten vom Herbergsvater.

„Ausgebucht bis aufs letzte Bett“, teilte er uns mit.

Wir versuchten, ihn zu überreden, vielleicht einfach unsere Schlafsäcke irgendwo für die Nacht auslegen zu dürfen, doch er blieb standfest. Erst als Thomaš erzählte, was für eine Etappe er am Vortag zurückgelegt hatte, veränderte sich seine Miene und plötzlich fiel ihm ein: Er hatte doch noch eine gesamte Etage frei! Die war ihm wohl kurzzeitig entfallen… Sie war zwar von der Putzfrau noch nicht wieder für neue Gäste hergerichtet worden, doch das störte uns überhaupt nicht.

Im Endeffekt verbrachten wir die Nacht also in einem Apartment, welches zwei Schlafzimmer, ein Kinderzimmer, ein Wohnzimmer, ein Klavierzimmer und ein eigenes Bad mit Badewanne beinhaltete… es hätte schlimmer kommen können.

Erst am nächsten Morgen nannte er uns den Preis: 35 Euro pro Person. Unter der Bedingung, dass wir, wenn es soweit sei, mit unseren Kindern wiederkommen würden. Scheinbar war er davon ausgegangen, dass wir als Paar unterwegs waren… Thomaš und ich grinsten und machten uns nach dem – passend zur Unterkunft exquisiten – Frühstück wieder auf den Weg.

Die Bettenjagd geht weiter

Ponte de Lima: Die Stadt, welche durch einen Fluß und eine mittelalterliche Brücke getrennt wird, gesäumt von Straßenlaternen, die wahlweise klassische Musik oder das Star Wars Theme aus ihren Lampenschirmen ertönen lassen. 

Ponte de Lima ist meiner Meinung nach wunderschön und es gibt genug zu sehen und zu tun, um hier mehr als einen Tag zu verbringen. 

Doch zuerst wieder das alte Spiel. Wo übernachten?

Thomaš und ich kamen um 16:30 Uhr, eine halbe Stunde nach Öffnung, an der öffentlichen Herberge von Ponte de Lima an. Über 60 Betten werden den Pilgern hier auf drei Etagen zur Verfügung gestellt – die bis auf ein einziges verbleibendes Bett bereits jetzt alle belegt waren.

Nach ein bisschen Betteln und Bitten stellte die Herbergsmutter mir dann doch noch eine dünne Isomatte zur Verfügung, sodass wir beide eine Bleibe für die Nacht hatten.

Doch ehrlich gesagt: Langsam war ich mächtig genervt. 

Wo bleibt der Spaß, wenn man um 7:30 Uhr morgens gefühlt schon die letzte Pilgerin auf dem Weg ist? Weil jede*r versucht, sich möglichst schnell an der nächsten Jakobsweg Etappe ein Bett zu sichern… oder gleich alles im Voraus bucht und anderen Pilgern damit die Chance nimmt, spontan zu entscheiden, wo sie die Nacht verbringen.

Bye bye, Pilgerprinzipien

Ich entschied am nächsten Morgen in Ponte de Lima: Zum einen würde ich mir in der Stadt einen Pausentag gönnen.

Und zum anderen würde ich den hier und jetzt, aus meinem Schlafsack heraus, online reservieren!

Ich hatte einfach genug vom Gehetze und wollte nicht noch einmal am Ende meiner Etappe den Satz hören: „Sorry, alles belegt.“

Auf dem Weg zum Hostel stoppte ich gegen Mittag noch einmal aus Interesse in der anderen im Pilgerführer aufgeführten Unterkunft, der örtlichen Jugendherberge. Hier waren zwar weit und breit keine Gäste zu sehen, doch als ich um 13 Uhr vorbeikam, hatten sie schon keinen Platz mehr frei.

Überlegungen zum „richtigen Pilgern“

Meine Wanderung dieses Jahr auf dem Portugiesischen Jakobsweg sollte von nun an also begleitet sein von Herbergs-Anrufen und Online-Reservierungen.

Ich muss zugeben: Das war anfangs für mich etwas beschämend.

Ich war, als nicht mehr ganz unerfahrene Pilgerin, gekommen mit meinen Vorstellungen und Erwartungen. Wie ein/e „richtige/r“ Pilger*in zu sein hat, und was auf keinen Fall geht. Vorbuchen gehörte für mich auf jeden Fall dazu. Und irgendwie fühlte es sich zuerst auch nicht richtig an, auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein und nicht darauf zu vertrauen, dass sich alles schon irgendwie fügen würde. Sich der Spontanität ein bisschen zu verschließen. Nicht an Herbergen stoppen zu können, die einen am Weg spontan in den Bann ziehen.

Doch dieses Jahr im September auf dem Caminho Português wären die bei meiner Ankunft wohl eh alle schon ausgebucht gewesen.

Das Buchen hat mir auf diesem Weg eine Menge Unsicherheit und Gedanken über das nächste Dach über dem Kopf erspart.

Und mein Gefühl sagt mir: Das war dieses Jahr auch vollkommen okay so. Die letzten Monate in meinem Leben habe ich mich privat oft verausgabt, zum Beispiel beim Start in die Selbstständigkeit. Dabei setze ich die Maßstäbe für mich meist so hoch, dass ich zusätzlichen Druck auf mich selbst ausübe. Daher war es dieses Jahr irgendwie richtig erleichternd, einfach mal ein paar Wochen alles locker anzugehen.

APAB – All Pimgrims are beautiful

Jeder Jakobsweg ist anders.

Der Camino Francés war für mich letztes Jahr der Start in einen kompletten Neuanfang und im Großen und Ganzen ein ganz schön hartes Stück Arbeit. Vielleicht erinnerst du dich noch an meine Berichte vom letzten Jahr. Ich lief mit vielen Auflagen an mich selber und das war in dem Moment auch genau richtig so. Dieses Jahr war das komplette Gegenteil.

Doch wir befinden uns mit dem Pilgertagebuch ja erst am Anfang der Reise auf dem Caminho Português.

Und, soviel sei verraten: Das Vorausbuchen sollte dieses Jahr nicht das einzige Pilgerprinzip sein, welches ich über Bord warf… dazu mehr im nächsten Kapiteln in den nächsten Tagen! 😉

(Kapitel Eins des Tagebuchs findest du hier und Kapitel Zwei hier! )

Was ist deine Meinung, gibt es Dinge, die für dich persönlich beim Pilgern gar nicht gehen? Schreib mir deine Meinung gern in die Kommentare!

 

 

 

 

 

 

 

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