Vorgestern führte mich mein Weg von Pieros nach Las Herrerias, eine wunderschöne Etappe mit kleinen Dörfchen am Wegesrand, viel Grün und jeder Menge Wasser.

Doch befand ich mich an einer so vollkommen neuen Form des Tiefpunkts, dass ich gar nicht mehr wusste, wohin mit mir, und im ein oder anderen Moment zweifelte ich wirklich an an meinem Verstand!

Es gab während der Reise ja bereits den ein oder anderen Tag an dem ich traurig, schlecht drauf oder erschöpft gewesen war. Aber das hier war ein neues Level. Ich werde den Artikel in zwei Teilen schreiben, da es doch einiges an Text ist.

Und danach wahrscheinlich nicht mehr die Einzige sein, die an meinem Verstand zweifelt 😉

Die Tage zuvor hatte ich es kilometermäßig easy angehen lassen und drei Nächte in der Herberge El Serbal y la Luna in Pieros verbracht.

Hier konnte ich mich voll und ganz aufs Zeichnen konzentrieren, eine Karte fertigstellen und mich auch an etwas für mich ganz Neues wagen: Die Sonderkarte gegen den Stierkampf, welche noch bis Sonntag zur Auktion steht. (Der Preis liegt derzeit bei 55 Euro, wovon die Hälfte wie beim gesamten Kartenprojekt zugunsten eines Lebenshofes in der Nähe von Hamburg geht, wo unter Anderem auch Bullen und Kühe ihr Leben in Frieden verbringen können. Solltest Du gern bieten wollen, schreibe den neuen Betrag einfach unten in die Kommentare.)

Du glaubst nicht, was für ein Herzflattern ich vor Veröffentlichung des Projekts hatte! Aus Aufregung darüber, wie es ankommen würde. Aber die Resonanz ist großartig und die Zweifel hatte ich am Cruz de Ferro ja abgelegt, von daher gab es keine Ausreden mehr, es nicht zu wagen 😉

Am dritten Tag vom Frühstück arbeitete ich an einem Bild für die Herberge, denn ich wollte einfach gern was zurückgeben für die viele Liebe, mit der sich die Freiwilligen dem Betreiben der Herberge widmen. 

An diesem Tag war ich nach dem ganzen pausenlosen Zeichnen der letzten Tage, ohne Bewegung, einfach nur stundenlanger Konzentration auf ein Blatt Papier, wie in einem Wahn.

Ich hatte auch bereits seit Tagen so unendlich viele Ideen im Kopf, kam nicht mehr hinterher, wusste gar nicht mehr wo mir der Kopf stand… ich war wie in einer anderen Welt und wären nicht abends und morgens quasi gezwungenermaßen die Unterbrechungen zum gemeinsamen Essen gewesen, hätte ich wahrscheinlich einfach durchgezeichnet bis mein Kopf -klonk- auf dem Tisch gelandet wäre!

Nach dem Aufwachen am Morgen des Abschieds, an dem ich gleich mit Sonnenaufgang noch zwei Stunden lang an den Details des Herbergenbilds gearbeitet hatte brach ich in Tränen aus und konnte nicht mehr aufhören.

Die Herbergsfamilie nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten, aber sie konnten nichts tun, meine Gedanken kreisten um alle Fehler die ich beim Zeichnen noch mache, alle meine Arbeiten kamen mir schrecklich schlecht vor, ich zweifelte am Sinn des gesamten Projekts und an meinem Traum, weiter kreativ zu sein und damit irgendwann meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können…

Irgendwo habe ich mal dieses Zitat von einem Maler gelesen, ich finde es nicht mehr wieder… aber es ging ungefähr so: Interviewer: „Was machen Sie so als Maler?“ Maler:  „Ich starre auf meine Bilder bis ich anfange sie zu hassen.“

Ich hatte das Gefühl an einem Punkt zu sein, an dem ich mich fühlte als wenn alles was in mir drin ist, mein Herz, meine Hingabe, alles was ich geben konnte in die Bilder gegeben hatte, dass danach einfach nichts mehr da war und ich nur noch leer… alle Eindrücke von außen überrannten mich dazu, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Trotzdem reichte es, meiner Auffassung nach in diesem Moment, nicht aus…

Ich verabschiedete mich und lief los, unsicher was ich tun sollte.

Eine weitere kurze Etappe und ausschlafen? Solang laufen, bis der Kopf Ruhe gibt? Irgendwie fühlten sich meine Beine gut, doch ich mich kraftlos, trotz der drei Ruhetage. Da ich erst sehr spät hatte starten können, war ich komplett allein unterwegs, bin durch ein Dorf nach dem Nächsten gelaufen und habe irgendwie nach einem Platz gesucht, an dem es sich richtig anfühlen würde Halt zu machen…

Es gibt in Ruitelan eine Herberge die von zwei buddhistischen Mönchen geführt wird.

Irgendwie hatte ich mir diese in den Kopf gesetzt. Als ich gegen 19 Uhr dort angekommen war, schaffte der gute Mensch am Empfang es jedoch mich in drei Minuten so auf die Spitze zu treiben, indem er mir all die Themen, bei denen ich mittlerweile auf der Reise sowieso etwas empfindlich werde, im Normalfall aber wie gewohnt einfach nicke und Lächle, um die Ohren zu hauen, dass das Fass für mich an diesem Tag einfach ein weiteres Mal überlief.

Es ging damit los, dass er auf meine Frage ob es Wlan gäbe grinsend antwortete: „Are you working  or are you walking?“

Ich antwortete nur „Both“. Wissendes, erneutes Grinsen, das mir zu verstehen geben sollte dass ich den Sinn des Weges nicht verstanden hätte. Genau diese, leicht bemitleidende, wertende Reaktion erhalte ich hier von wirklich SEHR vielen Menschen und langsam geht es mir ordentlich auf den Keks.

Es gibt nicht den EINEN Weg, und dass ich mich hier auch mit dem Blog beschäftige, was mit viel Zeit im Internet und vor dem Tablet verbunden ist, darf jede/r Andere bitte einfach so hinnehmen.

Ich freue mich für jede/n, der/die sich hier die Zeit nimmt alle elektronischen Geräte für ein paar Wochen auszuschalten, ich habe es letztes Jahr auf der Strecke St. Jean-Pamplona ähnlich gemacht und das ist ein tolles Gefühl, aber jeder Weg ist anders.

Das zweite Fettnäpfchen folgte sogleich, als ich fragte ob beim Abendessen zufällig auch etwas veganes dabei wäre.

Da ich so spät dran war rechnete ich nicht damit, aber ich hatte Hunger und da ich mich in einer vegetarischen Herberge befand… einen Versuch wars wert. Daraufhin kam die Antwort nein DAS ganz bestimmt nicht, höchstens Salat ohne Dressing, aber er könne mir Nudeln mit Pesto machen…

„Aber im Pesto ist doch bestimmt Käse drin?“… „Ja, aber nur ein ganz kleines Bisschen!“… Nice try.

Ich meinte dann „Okay ich nehme bitte nur das Bett“. Während er begann meinen Namen zu notieren, fragte er mich mit dem bereits bekannten Grinsen „Ist Wlan denn vegan? Durch Strahlung sterben doch viel mehr Tiere als durch ein bisschen Käse im Essen, und schließlich sind die Tiere ja auch sowieso tot wenn wir sie essen, dann ists doch egal! Und außerdem, die Tattoos, sind die vegan? Ich sei doch ein Tier und schade mir damit?!“

An jedem, wirklich jedem anderen Tag hätte ich ihn angelächelt und meinen Mund gehalten.

Dass ich mittlerweile bei den Tattoos darauf achte zu Künstlern zu gehen, die mit veganer Farbe arbeiten interessiert Leute, die provozieren wollen in solchen Momenten sowieso nicht, aber heute, an diesem eh schon ermüdenden Tag, setzte ich meinen Rucksack wieder auf, schnürte die Schuhe und machte mich wieder auf die Reise.

Ich nahm, kurz nach 19 Uhr, Anlauf aufs nächste Dorf.

Hier habe ich dann zumindest ein Bett bekommen und mir aus Frust nebenan im Restaurant eine große Portion Bratkartoffeln bestellt, die Schokolade, die ich noch im Rucksack hatte mit ins Bett genommen und ganz verwegen im Schlafsack gegessen. 😉

30km Laufen hatten meine Laune  nicht verbessern können. Vielmehr waren nun nur noch wirklich großes Heimweh und Sehnsucht nach meinem Freund hinzugekommen…

Ich telefonierte mit ihm, doch auch das bewirkte nur, dass ich aufgrund meiner unterirdischen Gemütsverfassung auch noch einen halbherzigen Versuch startete, Streit zu provozieren. Da mein Freund jedoch schlau ist, durchschaute er die Lage sofort 🙂 Er ist einfach der geduldigste Mensch.

Ich befand mich in einem Kampf, den ich für mich selber austragen musste… und hatte keine Ahnung wie!

Am nächsten Morgen ging es mir dann erstmal nicht wirklich besser, ein bisschen, aber ich war allgemein super planlos.

Sollte ich wieder eine ganz lange Etappe laufen oder eine Kurze? Sollte ich schwarzen Tee bestellen oder frischen Osaft? Doppel- oder einfachen Knoten in die Schuhe, macht das Leben einen Sinn? Viele Fragen, keine Antworten.

Im Nachinhein glaube ich, dass es auch mit dem immer näher kommenden Santiago zu tun hatte… ich komme langsam zum Ende meiner Reise (auch wenn noch bis zum 1. August  Zeit ist), der 100km-Marke immer näher, die Landschaft ändert sich, die Menschen, es werden immer mehr Pilger… doch innerlich war ich noch nicht bereit! Ich habe bereits so viele Erkenntnisse gezogen, trotzdem hatte ich bis gestern Abend das Gefühl dass „die Eine“ Erkenntnis noch nicht gekommen ist.

Allgemein schwirrten also gestern beim Laufen 1000 Fragen in meinem Kopf. Auch was ich mit mir anfangen sollte wenn ich wieder zuhause wäre…

Sollte ich die Tätowieridee erstmal verwerfen und eine weitere Reise planen in Verbindung mit dem Blog, einer weiteren Spendenaktion, vielleicht Sponsoren suchen, die es unterstützen würden? Denn was ich hier tue macht mir riesigen Spaß. Sollte ich mir eine Maschine bestellen und einfach loslegen mit dem Tätowieren, auf eigene Faust? Oder mich auf Stick and Poke konzentrieren, das Stechen von Tattoos mit der Hand, ohne Maschine? Was wird dann aus dem Reisen und dem Blog? Kann ich alles irgendwie verbinden?

Ich bin mir nur sicher dass ich bei dem was ich im Moment tue unglaublichen Spaß habe, dieser Blog, die Berichte, das Reisen, das Zeichnen… Ich möchte bunt bleiben, Positives bewirken und vielleicht den oder die ein oder Andere/n damit inspirieren!

An diesem Punkt endet der erste Teil der Geschichte, denn der Kampf gegen den Weg (oder war es am Ende gegen mich selbst?) ging weiter und kam erst am späten Abend zu seinem Höhepunkt… er endete vor epischer Kulisse abseits der Hauptroute!

Quasi einem geheimen Camino-Level 😉

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