Ja, der Titel mag überzogen sein, doch ich befinde mich in Galizien, dem Land der Kelten, und die Schlacht, die ich die letzten Tage geführt habe war episch! Stell mich Dir also bitte für diesen Artikel wie bei Braveheart mit blauer Farbe im Gesicht vor, schreiend und mit Schwert in der Hand auf einem Pferd. (In Wirklichkeit hatte ich kein Pferd)

Im letzten Teil ging es darum, dass ich ziemlich am Boden war, überfordert und ratlos, wie ich mich aus dem ultimativen Tief in dem ich mich befand, befreien sollte.

Ich hatte tagelang nur gezeichnet und auf meine Bilder gestarrt, dabei waren mir irgendwann die Fehler, die ich beim Zeichnen noch mache immer gravierender erschienen, und diese negativen Gedanken hatten sich immer mehr in meinem Kopf festgesetzt, wie eine Spirale ausgebreitet und ich hatte begonnen, einfach alles anzuzweifeln was ich im Moment tue.

Ich hatte es bereits erwähnt und ich finde leider das Interview mit dem Künstler nicht mehr… aber seine Antwort im Interview ist mir im Gedächtnis geblieben da ich sie so genial fand. Er wird gefragt: „Wie kann ich mir Deinen Alltagvorstellen?“, „Ich starre auf meine Bilder bis ich anfange sie zu hassen“

Ja ich weiß. Falls Du den Blog verfolgst, wirst Du sagen „Zweifel?! Die hast Du doch am Cruz de Ferro abgelegt?!“

Schon. Aber geheimerweise hatte ich auch noch ein viertes Wort, nämlich Vergesslichkeit, am Cruz abgelegt, und das hat auch nicht geklappt, denn bereits am nächsten Tag hatte ich zwei Kilometer zurück laufen müssen um meine Sonnenbrille aus der Herberge zu holen 😉
Aber ich denke, dieses „Dinge am Cruz de Ferro ablegen“ sorgt auch nicht dafür dass alles mir nichts, Dir nichts geklärt ist, sondern nur dafür, dass man sich die Dinge bewusst macht und neue Strategien entwickelt an ihnen zu arbeiten.

Ich war also am Morgen des Abschieds aus Pieros unter Tränen losgelaufen, wusste nicht mehr was ich tun sollte, denn hier ging es nicht nur darum jemanden zu vermissen oder einen schlechten Tag zu haben, also um Dinge die früher oder später die Zeit für einen klärt… Im Prinzip erschien mir Alles an was ich eigentlich glaube, immer sinn- und aussichtsloser, und das würde durch Abwarten nicht vorübergehen.

Ich musste irgendeine Antwort finden, hatte aber keine Ahnung wie!

Ich machte mich aus Las Herrerias gegen acht Uhr auf den Weg, begann mit dem Aufstieg Richtung O’Cebreiro (laut meinem Reiseführer einer der härtesten des Camino Frances)- und legte schon im nächsten Dorf den ersten Stopp ein, weil ich einfach komplett motivationslos war.

Hier gönnte ich mir ein hervorragendes Frühstück im Refugio Vegetariano, bestehend aus frischem Hummus, Brot, Gemüsesticks, frisch gepresstem Osaft mit Pfefferminz und Ingwer:

Kurz überlegte ich, gleich dazubleiben.

Aber je näher ich Santiago komme habe ich das Gefühl mitgerissen zu werden, viele Kilometer machen zu müssen, um diesen überlaufenen letzten Teil endlich hinter mich bringen zu können und danach auf der Strecke bis zum Meer wieder Ruhe zu haben…

Ich machte mich also weiter auf den Weg bergauf, mit fantastischen Ausblicken und durch ein Meer von Fingerhut und Ginster am Wegesrand… einer der schönsten Teile des gesamten Weges bisher!

Meine Laune blieb jedoch weiterhin im Keller.

Ich zählte, wie ich es mir bei anstrengenden Etappen angewöhnt habe, mit jedem Schritt bis 100 und wieder herunter, kämpfte mich vorwärts und erreichte am frühen Nachmittag die Bergspitze bei O’Cebreiro.

Ab hier waren es noch 20km bis Triacastela- ‚könnte ich noch schaffen‘, dachte ich mir… auf den Straßenschildern war jedoch noch eine andere Stadt aufgeführt in noch 30km Entfernung…

Samos, das abseits der Hauptstrecke liegt und in der ein riesiges Kloster seit unglaublichen knapp 1000 Jahren Pilger aufnimmt!

Naja, dachte ich mir, die Beine funktionieren noch, erstmal immer weiter vorwärts. Aber in meinem Hinterkopf ploppte immer wieder dieses Wort auf: „Samos“, „Samos“, „Samos“… langsam merkte ich wieder Kampfgeist in mir, und heimlich fasste ich den Entschluss: ich würde es versuchen das Kloster zu erreichen, auch wenn das eine 40km- Etappe, an einem der Tage mit dem härtesten Aufstieg bedeuten würde!

Langsam, mit jedem Schritt, wich das Gefühl der Hilf- und Planlosigkeit, machte vielmehr einer neuen Bessesenheit Platz.

Ich lief immer schneller die Hügel hoch und runter, durch die pralle Sonne, gönnte mir nur ein Eis nach dem Anderen im Weiterlaufen an jedem Cafe, die Grenze zwischen Wahn und Zuckerschock verliefen fließend 😉

Es wurde immer später, die Sonne fing an zu sinken und wirklich niemand war mehr auf der Straße.

Als ich Triacastela jedoch gegen 7 Uhr Abends erreichte, hätte mich nichts und niemand mehr davon abbringen können, die noch verbleibenden Kilometer bis zum Kloster Samos weiterzulaufen. Ich fühlte plötzlich so eine Energie, dass ich ungelogen, nach bereits 30 gelaufenen Kilometern an diesem Tag, mit Wanderschuhen und einem 13kg-Rucksack anfing, die Steigungen und Senken hoch- und runter zu RENNEN! Da ich allein durch Wald und Felder lief sah mich niemand aber es muss ziemlich verrückt ausgesehen.

Und ich war mir in diesem Moment ganz sicher: ich hatte den Verstand verloren.

 

Ich legte die letzten 10km zum Kloster im Laufschritt zurück, unter Anderem durch den Wald, in dem es langsam wirklich dunkel wurde… Kurz überlegte ich, ob ich das Wolfsgebiet schon hinter mir hatte 😉 Aber bevor das Licht komplett verschwunden war kam ich an eine Lichtung mit ins Tal und plötzlich – endlich – Sicht auf das Kloster.

„Verflucht, ein VERDAMMT großes Kloster!“ War alles was ich noch denken konnte…

Dieses Kloster ist wirklich riesig, niemals hätte ich so einen Anblick erwartet. Ich lief mit den letzten verbleibenden Kräften den Hügel hinunter und erreichte die Herbergstür schlussendlich um kurz nach neun.

Alle Bedenken kein Bett mehr zu bekommen waren unbegründet gewesen, der Schlafsaal war halb leer!

Meine Beine zitterten als ich mich auf den Weg zu meinem Bett machte, doch ich spürte den Stolz es geschafft zu haben und sagte zu mir selber: „Weg, Du bekommst mich nicht klein!“ 🗡;)

Es folgte die beste Nacht des Weges. Und der schlimmste Morgen…

Meine Beine fühlten sich an wie gerädert und ich spürte den Weg förmlich zurücklachen, er bekam seine Rache als ich mit wackelnden Oberschenkeln und Minischritten in Zeitlupe am nächsten Tag die 15km bis Sarria zurücklegte… aber egal, ich hab es geschafft! 🙂

Ich weiß nicht, ob ich an diesem Tag gegen den Weg oder mich selber gekämpft habe.  Antworten habe ich dadurch keine erhalten, aber ich bin wieder entspannt und sicher, die Fragen werfen mich nicht mehr aus der Bahn. Der Tag hat mir wieder gezeigt dass ich mich durch alles durchbeißen kann. Aufgeben ist keine Option!

Mein Kampfgeist ist zurück und ich bin wieder bereit alles zu geben um den Traum wahr werden zu lassen, den ich vom Leben habe.

Heute habe ich immernoch Muskelkater und es ist mittlerweile kurz vor zwölf, aber ich werde mich gleich auf den Weg machen um noch ein paar Kilometer zu reißen. Der alte Spätaufstehermods hat sich wieder eingeschlichen 😉

Ich hoffe, die Herbergen werden nun ab Sarria, dem Startpunkt für viele zusätzliche Pilger, nicht zu voll werden… gestern habe ich das Erste Mal auf meiner gesamten Reise in einer vollen Herberge geschlafen!  Und am Ende des Tages werden es weniger als 100km bis Sanitago sein, unglaublich…

Das waren also meine ereignisreichen letzten Tage… Ich würde sagen, es Zeit für Entspannung am Meer in Finisterre und Muxia 😉

Danke fürs Mitlesen, schönen Tag Dir!☀☀🌿

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