Heute gehts ans Eingemachte. Lass uns über Geld reden!

Und darüber wie es ist, auf dem Jakobsweg möglichst wenig davon mitzunehmen. 

Wenn Du meinen Blog verfolgt hast, hast Du wahrscheinlich mitbekommen, dass ich sieben Wochen lang mit sehr geringem Budget unterwegs war und versucht habe, so minimalistisch wie möglich  zu reisen.

Ich bin auf der Reise mit einem durchschnittlichen täglichen Gesamtbudget von 10-12 Euro zurecht gekommen.

Damit hatte ich jede Nacht ein Dach über dem Kopf, konnte mich gut und vegan ernähren und hatte nicht das Gefühl, auf der Reise aufgrund von Geldmangel etwas zu verpassen.

Im Gegenteil, es gab mir die Gelegenheit auszuloten, wieviel ich wirklich benötige ohne das Gefühl zu haben, „verzichten“ zu müssen.

Der Jakobsweg ist meiner Erfahrung nach so ziemlich das manifestierte Gegenstück zu jeglicher Luxus- und Wellnessreise.

Selbst wenn man sich jede Nacht ein teures Hotel mit Gourmetessen leistet- tagsüber läuft man ungeschminkt und verschwitzt durch Sonne, Wind und Wetter, evtl. Kälte und Regen, mit Muskelkater, Schmerzen (und die kommen- sicher), seinem gesamtem Gepäck auf dem Rücken. Egal wie schwer das Portmonee ist, eins haben wohl alle Pilger auf dem Weg gemeinsam:

Dem Ziel entgegengehen, durchhalten und die eigenen Gedanken (er)tragen, Zeit mit sich selbst verbringen und im besten Fall ein Stück zur eigenen Mitte finden.

Der Jakobsweg ist anstrengend.

Wieso es sich dann auch noch extra schwer machen? Minimalistisch zu reisen… bedeutet das doch nicht eigentlich, sich auch noch die letzten Annehmlichkeiten zu versagen? Und verzichten tut man doch schon genug… Arbeitet viel, spart hartverdientes Geld und Urlaub für die Reise an…

Ist es da nicht schöner, sich private Hotels zu gönnen statt öffentlicher Herbergen? Rucksacktransport statt selbst zu schleppen, sich das Pilgermenü zu gönnen, statt selber zu kochen und am Ende vielleicht noch Proviant für den nächsten Tag schleppen zu müssen, weil es keinen Supermarkt im nächsten Ort geben wird? Mehrere Outfits dabei zu haben und den Bus zu nehmen, wenn der Zeitplan drückt?

In dem Fall habe ich einen Tipp. Nach Santiago kommt man am Einfachsten mit dem Bus oder Zug! 😉

Natürlich ist das nicht mein ernstgemeinter Rat. Um – wie es seit über 1000 Jahren millionenfach geschehen ist – auf Jakobspfaden zu wandern und schlussendlich vor die Kathedrale von Santiago zu treten, gibt es einen unvergesslichen Weg, den Du beschreiten kannst.

Dieser liegt, jep- außerhalb Deiner Komfortzone!

Du wirst kämpfen, weinen und lachen, auf der Reise Orte finden, die Dich wieder spüren lassen, was Dich trägt. Dein Blick wird umso offener werden, je weniger Du auf Deinen Schultern mitnimmst und konsumierst.

Wir alle leben jeden Tag im Überfluss, doch was macht das mit uns?

Oft setzen wir Geld mit Glück gleich.

Dinge, die unsere Großeltern als Luxus (oder Verschwendung) ansehen würden, sind für uns Alltag geworden, wir denken nicht mehr drüber nach. Während sich unsere Gedanken um die neue Übergangsjacke und die Sneakerkollektion drehen, wird unser Blick vom Wesentlichen abgelenkt.

Dass Geld an sich nicht glücklich macht.

Geldsorgen sind schrecklich und lassen Dich nachts nicht schlafen, doch die Gewissheit dass Du immer über die Runden kommen wirst, egal was ist, gibt dir Sicherheit.

Oft habe ich Zweifel ob mein Geld reicht und denke dann, ich sollte mehr arbeiten, statt so viel Zeit in den Blog zu investieren.

Mehr Stunden machen um fürs Alter zu sparen, zur Sicherheit. Doch dabei kann ich dann dem Leben beim Vorbeiziehen zuwinken… Wir alle sind in Deutschland sozial sehr gut abgesichert und können nicht allzu tief fallen.

Wir alle haben die Chance, etwas für unsere Träume zu riskieren.

Minimalismus lässt uns erinnern, was Gemeinschaft bedeutet.

Wir sind alle Menschen, Schulabschluss, Kontostand, Besitz und Herkunft sind vollkommen unwichtig. Wir können mitfühlend sein, gemeinsam lachen und uns mit Hand und Fuß verständigen. Wir möchten alle in Frieden und Freiheit leben, so wie jedes andere Lebewesen auch.

Momente in denen Besitz keine Rolle spielt, sind oft die Schönsten.

Es geht im Leben nicht darum, möglichst effektiv zu funktionieren um sich möglichst viel leisten zu können, sondern darum zu erkennen -auch wenn der Spruch einen Bart bis zum Boden hat- dass man Glück nicht kaufen kann. Besitz bezahlst Du mit Zeit.

Es sind die kleinen Dinge und Gesten, die Deinen Tag retten. Es ist der Moment der zählt! Und zwar ganz genau dieser Moment, jetzt gerade und genau hier.

Diese Erlebnisse auf dem Weg haben sich unvergesslich in meine Erinnerungen eingebrannt:

  • Nach 8 Stunden wandern am Ende der Kräfte endlich unter einer heißen Dusche zu stehen, das Wasser zu spüren, sich auf die Matratze fallen zu lassen, was sich so gut anfühlt, dass nicht mal mehr das Schnarchen vom Bett zwei Meter weiter interessiert.
  • Auf dem Weg zu denken nicht mehr weiter zu können- plötzlich schließt eine japanische Mitpilgerin auf, und teilt ihre Packung Studentenfutter mit Dir.
  • Am Weg plötzlich einen Baum mit reifen, saftigen Kirschen zu entdecken, wie man sie niemals im Supermarkt würde kaufen können.
  • Sich von einer Bäuerin den Weg mit Händen und Füßen erklären zu lassen, weil es ohne Google Maps so ungewohnt geworden ist sich zu orientieren. Sie kurzentschlossen noch einen halben Kilometer mitkommt, dabei ihre Lebensgeschichte auf spanisch erzählt und ich gespannt zuhöre – nur jedes dritte Wort verstehend.
  • Der Moment in dem, nach harten Tagesmärschen in den letzten drei Wochen, plötzlich ein türkisblaugrüner Streifen am Horizont auftaucht. Und ich realisiere, das ist das Meer, ich habe es geschafft.

Alle diese Dinge sind Erinnerungen, für die ich kein Reisebudget benötigte- nur offene Augen und ein offenes Herz.

Wenn Du die schützenden Hüllen des Besitzes ablegst und Dein Belohnungssystem nicht mehr als Komplizen gegen kreisende Gedanken benutzt, begibst Du dich damit auf einen Weg, der Dich nicht mehr loslassen wird. Es ist alles andere als einfach, doch jeder Schritt lohnt sich.

Minimalismus bedeutet für mich…

Meine Ausgaben für Essen und Produkte des täglichen Lebens beschränken sich seit zwei Jahren auf das „Nötigste“- Tendenz fallend. Kleidung trage ich mittlerweile bis sie kaputt ist, meinen Besitz konnte ich in den vielen letzten Umzügen auf 3 Kartons, ein Fahrrad und einen selbst gebauten und vergoldeten Spiegel, der zu meinem wertvollsten Besitz zählt, reduzieren.

Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung für mich, alles, was ich auf der Reise benötigen würde in einen Rucksack zu packen, jeden einzelnen Gegenstand und jedes Kleidungsstück dreimal umzudrehen und zu überdenken, ob ich das wirklich brauche.

Dazu nur so viel Geld in der Tasche zu haben, dass es für eine sehr günstige Unterkunft und das Nötige an Essen reichen würde. Auf die Masse an Belohnungen zu verzichten, die Packung Oreos hier, Chips dort, Eis dazu, Pilgermenu am Abend…

Nichtsdestotrotz habe ich mir nicht alles verboten.

Im Laufe der Reise wurde zum Beispiel eine Tafel dunkle Schokolade an manchen Tagen das Highlight meines Abends, gegen Ende, mit dem Eintritt in Galicien habe ich auch mein Budget ein wenig erhöht auf ca. 20 Euro pro Tag und mir des Öfteren vegane Leckereien oder tolles lokales Obst gegönnt wenn sich die Möglichkeit ergab, dazu habe ich mir gerade zum Ende der Reise, als ich die Ruhe dringend benötigte, ein kleines Plus an Luxus gegönnt, dadurch dass ich öfter in schönen privaten Herbergen übernachtet habe, statt in den Xuntas.

Jeden Tag mein absolutes Highlight: die Routine, vormittags nach den ersten paar Kilometern im Cafe zu sitzen, einen schwarzen Tee bestellen und am Tablet zu schreiben oder zu zeichnen.

Das war eine Ausgabe von 1 – 1,20 Euro, doch hat mich jedesmal so sehr glücklich gemacht… minimalistisches Leben lässt einen die kleinen Dinge so viel mehr wertschätzen.

Auch hat mich diese Art zu reisen gedanklich den vielen Pilgern der Vergangenheit, die teilweise unter abenteuerlichsten und gefährlichsten Bedingungen den Weg angetreten sind, nähergebracht. Wie muss es wohl für sie gewesen sein?

Als die Meseta nach der Dämmerung noch zu einem lebensgefährlichen Wolfsgebiet wurde, sie auf die Mildtätigkeit der Bauern angewiesen waren um Essen und einen trockenen Platz zum Schlafen zu bekommen, keine Pilgermenüs und Rucksacktransporte weit und breit! Oft hatte ich diese Gedanken.

Das war also meine kleine Liebeserklärung an den Minimalismus, den ich auf dem Jakobsweg noch mal ganz bewusst für mich gefeiert habe.

Wie sind Deine Erfahrungen, allgemein und auf Reisen?