Im Sommer 2016 bin ich mit minimalem Budget  auf dem Camino Frances den Jakobsweg vegan gelaufen und habe dabei Blog-Tagebuch geführt. Alle meine Erlebnisse, Gedanken, Höhe- und Tiefpunkte (und ich warne Dich – da gab es so einige ;)) sowie die Spendenaktion zugunsten des Lebenshofs „Land der Tiere“ kannst Du hier nachverfolgen.

In diesem Artikel geht es nun an die Fakten: wie erging es mir als Veganerin auf dem Weg?  War pflanzliche Ernährung auf dem Camino super kompliziert, eintönig oder teuer? Musste ich hungrig ins Bett oder gar Ausnahmen machen? Was kann ich Veganern oder Vegetariern raten, die den Weg gehen möchten?

Meine Ernährung auf dem Jakobsweg: minimalistisch, vegan und gesund

Falls Du gerade Deinen eigenen Jakobsweg vegan planst und dich für wenig Geld und ohne großen Aufwand pflanzlich und gesund ernähren möchtest, kann Dir vielleicht ein paar Tips mitgeben.

Ich habe auf der Wanderung versucht, mich so minimalistisch und ausgewogen wie möglich zu ernähren. Ich gebe zu, es war nicht immer ganz leicht! Doch alles in allem würde ich sagen, dass ich die drei Punkte gut einhalten konnte. Ein Punkt fiel mir dabei ein klitzekleines Bisschen schwerer… was denkst Du, welcher es war? 😉 dsc_6264

Jakobsweg minimalistisch

Auf dem Weg wollte ich wissen: was benötige ich auf Reisen wirklich, was ist das für mich absolute Mindestbudget? Ein Selbsttest.

Folgende Sparmaßnahmen funktionierten dabei besonders gut:

  • Die günstigen, öffentlichen Herbergen beziehen (4 – 6 Euro/Nacht) mit meist frei benutzbarer Küche. Oft findest Du hier ein Fach mit von anderen Pilgern zurückgelassener Nahrung wie Nudel-, oder Reispackungen, Gemüse, Obst… So habe ich nach Bezug der Herberge oft einfach dieses Fach gecheckt und im örtlichen Laden nur mit etwas frischem Gemüse oder Tomatensauce aufgestockt und daraus ein hervorragendes Gericht gezaubert. Toller Nebeneffekt: man vermeidet mit dem Verwerten der Sachen ganz nebenbei noch Lebensmittelverschwendung!
  • Must-carry: Tupperdose plus gutes Messer und Reisebesteck! Mobile Schnippelküche, Teller, Salatschüssel, Vorratsdose… diese Helferlein waren für mich unverzichtbar. Am Vorabend etwas mehr gekocht, brauchte ich meine Mahlzeiten nur in die Tupperbox packen, um am nächsten Tag für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Oft habe ich einfach Nudeln oder Reis eingefüllt und am nächsten mit Tag Tomate, Oliven, Sauce, Avocado,… aufgepimpt. Perfekt!
  • Salz und evtl. ein, zwei Gewürze dabeihaben. Gut ist auch, sich gleich ein Gewürzsalz zu mischen, mit Chili, Limone, Pfeffer,… Dazu dann einfach Brot und frische Avocado oder Tomate, und man hat eine leckere Mahlzeit zu jeder Gelegenheit.
  • Abends einen gehaltvollen Salat zubereiten statt zu kochen. Praktisch, falls kein Herd zur Verfügung steht. Jeder kleinste Tante-Emma-Laden hat eingekochte Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen oder Bohnen, dazu frischen Salat, Tomaten, Oliven, Baguettebrot, evtl. Salz oder frischer Zitronensaft… fertig ist ein Salat, der jedes 08/15 Pilgermenü an Nährstoffen übertrifft. Wichtig: darauf achten, dass genügend Zutaten eingebaut sind, die auch wirklich satt machen. Hülsenfrüchte liefern ganz nebenbei auch das Eiweiß, wofür Deine Muskeln Dich nach einem harten Wandertag lieben werden!
  • In Supermärkten aufstocken um in kleinen Dörfchen nicht auf Restaurants oder teure Touristenkioske angewiesen zu sein. Auch Wochenmärkte sind verblüffend günstig. Dies wird auf den letzten 200km vor Santiago immer schwerer, je näher man der Stadt kommt, desto teurer wird’s. Hier habe ich mein tägliches Budget (inkl. Übernachtungen) auf etwa 20 Euro/Tag aufgestockt.
  • Augen auf! Kirschbäume, Feigenbäume, Äpfel, Quitten, Passionsfrüchte… all das kann zur richtigen Jahreszeit direkt am Weg auf Dich warten… wer sich etwas auskennt, kann auch aus einem unbegrenzten Vorrat an Wildkräutern schöpfen. Hierzu wurde sogar ein ganzes Buch geschrieben!
  • Donativo Herbergen: Übernachtungen oft sogar mit Frühstück und/oder Abendmahlzeit auf Spendenbasis. Beachte: auch Herbergen auf Spendenbasis müssen sich finanziell tragen und die oft zusammen mit der Übernachtung angebotenen Speisen bezahlen. Sie sind vielerorts am Weg zu finden!

Viele meiner Mahlzeiten waren wirklich lecker, auch wenn sie meistens vom Typ „ich-rühr-mal-alles-zusammen-und-schau-was-rauskommt“ waren.

Gegen Ende der Reise konnte ich jedoch partout keine Spaghetti mit Tomatensauße, Rosinen und Kichererbsen aus dem Glas mehr sehen… ich hatte es etwas weit getrieben mit meinem Minimalismus 😉 Doch am Weg stößt man auch immer wieder auf kleine vegan Oasen, wie  zum Beispiel die Albergue Verde in Hospital de Orbigo.  Für Abwechslung ist also immer wieder gesorgt.

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Jakobsweg vegan

Um die Frage gleich zu klären: Ja, es ist möglich, den Jakobsweg vegan zu gehen. 🙂

Bis auf wenige Ausnahmen gibt es alle paar Kilometer einen Kiosk, Cafe oder Restaurant, in größeren Ortschaften gibt es Supermärkte, und überall findet man etwas veganes. Sei es nun das geröstete Weißbrot mit Olivenöl und Tomate im Cafe zum Frühstück, Kartoffeln/Pommes/Spaghetti Napoli/geschmortes Gemüse/Pizza ohne Käsebelag im Restaurant, oder das volle Sortiment im Supermarkt, welches man auch in Deutschland vorfindet. Es gibt sogar immer wieder rein vegetarisch/vegane Herbergen und Restaurants am Weg, oder Reformhäuser mit allen gängigen Ersatzprodukten.

Halt nur nicht immer und überall! Solltest Du den Weg vegan gehen wollen, macht Dir ein bisschen Vorbereitung und Planung der jeweils nächsten Mahlzeiten das Leben sehr viel leichter.

  • Wirf vorab einen Blick in Deinen Reiseführer um in den Vegetarischen Herbergen zu übernachten. Diese werden nicht selten von wunderbar herzlichen und liebevollen Menschen geführt und sind oft wahre Highlights- nicht nur aufgrund des Essens!
  • Erwarte kein veganes 3-Gangmenü im Restaurant an der nächsten Ecke. Ordere zur Not einen gemischten Teller aus mehreren Beilagen und Brot, bzw. frage einfach nett, ob man Dir etwas ohne Tierprodukte zubereiten kann. Jedes Restaurant hat Nudeln, Kartoffeln und Gemüse, das sie in einen Topf oder in eine Pfanne werfen können!
  • Behalte die nächsten Etappen im Auge. Wird es Supermärkte geben oder solltest Du lieber mehr Proviant einstecken?
  • Hab einen „Notfallsnack“ dabei, z.B. Studentenfutter. Übrigens, Du weißt, dass Oreos, dunkle Schokolade und die meisten Haferflockenkekse top vegane Süßigkeiten sind? Und die gibt es in wirklich fast jedem Kiosk am Jakobsweg zu kaufen! 🙂
  • Kommunikation! Herbergen mit Gemeinschaftsessen bereiten oft gern etwas veganes für Dich zu, wenn Du vorher Bescheid gibst. Ich habe es immer freundlich gesagt und dann meist ein superleckeres Gericht zubereitet bekommen. Ich kenne das Gefühl keine Umstände machen zu wollen, doch wenn sich kein Veganer/Vegetarier zu erkennen gibt, wird sich auch nichts ändern! Den Tieren bringt es zumindest nichts, sie aus „Höflichkeit“ zu essen.

Nichtsdestotrotz traf ich wirklich viele Veganer, die auf dem Weg plötzlich zu Vegetariern wurden, weil sie meinten, es sei so schwer durchzuhalten.

Ich denke, dass es zum Einen damit zusammenhängt, genau wie seine Mitpilger sich keine großen Gedanken um seine Verpflegung machen zu müssen. Und verstehe, dass man nach 6 – 8 Stunden Wandern keine Lust mehr hat, selber zu kochen.

Allerdings frage ich mich: wie schaffen es diese Leute sich zuhause vegan zu ernähren, wenn sie es auch auf dem Jakobsweg nicht schaffen in einen Laden zu gehen, Gemüse und Nudeln zu kaufen und diese zu kochen? Es ist nicht so, als wenn vegan als die top fastfood-taugliche Ernährung bekannt wäre.

Vielleicht ist es auch das schiere Überangebot an Essen. An jeder Ecke lacht einen ein leckeres spanisches Gebäck an, oder einheimische Spezialitäten… je länger die Wochen vorwärts schritten, ich fleißig Kilometer machte und mich an meinen Ernährungs-Sparplan hielt, desto mehr konnte ich verstehen, dass es eben doch irgendwie verständlich ist, warum einige Veganer auf einer so anstrengenden Reise wie dem Jakobsweg „einknicken“. Womit wir auch direkt bei Punkt Drei wären:

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Gesunde Ernährung auf dem Jakobsweg

Mein Schwachpunkt. 😉

Kohlenhydrate, Protein, ein bisschen gesundes Fett, Vitamine, Mineralstoffe. Ein bisschen frisches Obst, frisches Gemüse… dann sollte das passen, oder? So hab ich mir das zumindest vor der Reise gedacht und insgeheim dazu gehofft, dass wenn ich die Portionen noch etwas reduziere, ich als kleinen Nebeneffekt noch ein paar Kilos verlieren würde. 😉

An sich ist das auch richtig, aber mittlerweile bin ich der Meinung: wenn man sich vegan ernährt, dieses vielleicht sogar schon seit längerer Zeit tut und nicht nur zwei, drei Wochen, sondern wie ich knapp zwei Monate unterwegs ist, man ein paar Dinge sehr genau beachten sollte:

  • Gesund essen. Wirklich gesund. Ich hab es ehrlich gesagt die ersten Wochen etwas übertrieben und mich praktisch nur von Reis und Nudeln, Trockenfrüchten zum Frühstück und zwischendurch ein bisschen Obst ernährt… es ist nunmal so, als Veganer (und definitiv nicht nur da) sollte man auf seine Ernährung achten! Mit der Zeit begann mein Körper, mit Heißhunger und allgemeiner Kraftlosigkeit zu protestieren. Daher auch:
  • Keine Diät während dem Jakobsweg! Vielleicht bin ich die Einzige die das versucht hat. Auf jeden Fall musste ich erkennen: während dieser harten Belastung sollte man dem Körper nicht noch zusätzlich Baustoffe vorenthalten, die er dringend zur Regeneration benötigt. Und am Ende der Reise war es mir dann auch egal, ob ich abgenommen hatte oder nicht, ich war meinem Körper einfach dankbar, dass er mich an keinem Tag im Stich gelassen hatte. Ganz im Gegenteil, er hatte mich durch ein ganzes Land getragen! Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich ihn am Anfang noch so zusätzlich gestresst hatte.
  • Proteine! Leider gibt es am Jakobsweg quasi keinen Tofu zu kaufen, ich hab zumindest außer in Reformhäusern in den Städten nie welchen gefunden. Bleiben noch zwei gute und günstige Lieferanten: Hülsenfrüchte und Haferflocken. Morgens wird in den Herbergen oft Frühstück gestellt, welches quasi immer aus Weißbrot und Marmelade oder Müsli mit Milch besteht, dazu oft etwas Obst. Ich hab wenn, dann meist zum Marmeladenbrot gegriffen, doch es hätte wirklich Sinn gemacht, mir stattdessen das Müsli zu gönnen… Dafür könnte man sich entweder selber eine Pflanzenmilch mitbringen (gibt’s überall, in einer unendlichen Sortenvielfalt) oder – und das ist mir leider erst nach dem Jakobsweg in den Sinn gekommen- sich das Müsli einfach mit kochendem Wasser übergießen und sich daraus ein frisches Oatmeal zubereiten! Ich wünschte, dass mir das früher eingefallen wäre. Denn es ist so simpel!
  • Chia-Samen: diese kleinen Wunderkörnchen wiegen fast nichts und sind z.B. als Chiapudding mit Pflanzenmilch und frischen Bananen superlecker und wahre Nährstoffbomben, reich vor allem an der essentiellen Fettsäure Omega 3, also eine gute Alternative zu Seefisch! Die werden mich bei der nächsten langen Reise definitiv begleiten, oft bekommt man sie sogar in Läden am Weg. 🙂
  • Gesundheit geht vor Minimalismus: sparen ist schön, doch nicht auf Kosten Gesundheit. Lieber eine Portion frische Produkte mehr, auch mal Quinoa, Amaranth, etc. statt Reis und Nudeln kaufen… als nach einer wochenlangen Low-Budget-Diät mit Mangelerscheinungen nach Hause kommen.
  • Ein Bluttest vor und nach der Reise gibt Sicherheit, gut versorgt zu sein. Dies gilt für Allesesser wie für Veganer gleichermaßen! Veganer sollten vor allem regelmäßig ihren B12-Spiegel prüfen und gegebenenfalls supplementieren.

Fazit: Minimalistisch und trotzdem gesund ist auf dem Jakobsweg super möglich, wenn man ein wenig im Voraus denkt und etwas zusätzliches Gewicht in Kauf nimmt. Es ist kein Problem, den Jakobsweg vegan zu bewältigen, wenn man auf eine ausgewogene und vollwertige Ernährung achtet. Und garantiert jeder typischen Pommes-und-Schnitzel Pilgermenüdiät vorzuziehen 😉

dsc06970Hast Du Erfahrungen zum Thema Jakobsweg vegan, minimalistisch oder kostensparend? Hat Dir der Artikel weitergeholfen? Teile es mir gern in den Kommentaren mit!