…hier die Fortsetzung zu Teil Eins!

Etwas verspätet, aber ich habe gestern eine nette deutsche Gruppe getroffen (dazu später) und komme erst jetzt zum Schreiben.

Die letzten Stunden habe ich mich übrigens durch die nicht enden wollende, monotone Wüstenhölle der Meseta gekämpft, mir stehts bis oben hin 😉

Los gehts!

26.06.2016, Tardajos – Castrojeriz:

Heute war das Wandern wie Schwimmen durch ein Meer aus rauschenden Feldern und Farben, die beginnende Meseta zeigte sich von ihrer besten Seite. Dazu lief ein piepsfreches Wintergoldhähnchen (das Vögelchen welches ich zusammen mit dem Spruch „freies Herz“ auf meinem Fuß tätowiert, aber noch nie in echt gesehen habe) in zwei Metern Entfernung seelenruhig vor mir über den Weg und machte den Start in den Tag perfekt 🙂 Der Weg war der Hammer heute, auch wenn ich mir so sehr die Pelle verkochte, dass alle sichtbare Haut meines Körper signalrot leuchtet – trotz LSF 50+.

Der Weg war heute wirklich wunderschön.

Ich lief die letzten Kilometer zusammen mit Gus und wir hatten viel Spaß, ich versuchte Witze auf Englisch zu übersetzen und erntete wahrscheinlich mehr Lacher fürs Vortragen als für die Pointen an sich 😉

Unter Anderem kamen wir auch an der spektakulären kleinen Herberge in den Ruinen des Kloster San Antón vorbei, hier gibt es weder Strom noch fließend Wasser, das gemeinsame Abendmahl wird im Kerzenschein eingenommen, und man wohnt wirklich direkt IN den Ruinen. Eine Kulisse wie aus einem Tolkien-Buch und für Mittelalterfans unbedingt empfehlenswert!

Den Abend verbrachten wir in der Herberge San Esteban, in der der lustige, nette Hospitalero Paco nicht müde wird, die Pilger mit Brot, Nudeln, Tomatensauce und Marmelade zu versorgen, sobald etwas leer war kam er sogleich mit Nachschub in die Küche gestürmt 🙂 Für 5 Euro + freiwillige Spende für das Essen superklasse! Der Abend war zugleich der Abschiedsabend von Joao, wie sich im Nachinein herausstellen sollte.

Nach den Tagen der vielen Kilometer für mich merkte ich, dass ich dringend mal wieder ein, zwei Tage zurückschrauben würde müssen, und Joao wieder seinen Durchschnitt von 40-50km pro Tag erreichen, um halbwegs in der geplanten Zeit durchzukommen. Obwohl die innere Stimme immer lauter wurde, hätten wir gern den nächsten Abend noch zusammen verbracht und verabredeten uns für Fromista.

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27.06.2016: Castrojeriz – Fromista

Nach dem Aufwachen merkte ich sofort dass ich heute absolut nicht in Form war, meine Füße (eigentlich alles) taten weh, ich hatte Probleme mit dem Auge, war einfach nicht fit…

Beim Verlassen der Herberge meinte ich zu Joao, dass ich es evtl. nicht bis nach Fromista schaffen würde. Dann ließ ich auch noch meine kurze Hose liegen, sodass ich nach einer halben Stunde den ganzen Weg noch mal zurück laufen musste…Joao, der später aufgebrochen war, kam mir entgegen, wir umarmten uns kurz und ich rief ihm im Weiterlaufen ein „wir sehen uns später“ hinterher. Wie bereits berichtet war das der Abschied… denn wir würden uns nicht mehr wiedersehen.

Nach dem ersten anstrengenden Aufstieg kurz hinter Castrojeriz beschriftete ich eine selbstgemalte Karte für ihn, einen der Entwürfe vom Anfang, den ich ihm geben wollte.

Je weiter ich kam, spätestens als ich das Dorf erreichte in dem ich eigentlich rasten wollte und ihn nicht sah, desto mehr wurde mir klar, dass ich nicht mehr dazu kommen würde ihm die Karte zu geben. Er war weitergelaufen.

Dieser Abschied aus dem Nichts heraus schlug mir an diesem sowieso schon anstrengenden Tag so sehr auf die Stimmung dass ich nicht mehr aufhören konnte zu weinen… aus der Hoffnung heraus dass er evtl. doch in Fromista geblieben war oder ich wenigstens Gus treffen würde schleppte ich mich weiter bis ins nächste Dorf, die Füße gefühlt eine einzige Blase. In keiner Herberge konnte ich die Beiden finden, nahm mir dann ein Bett in der Herberge Estrella del Camino (teuer, keine Decken, kein Küche, wurde den nächsten Morgen um 7:00 mit einem kräftigen Rütteln am Bett und dem Hinweis dass ich die Herberge in einer halben Stunde zu verlassen habe aus dem Schlaf gerissen).

Meine Stimmung war so im Eimer dass ich auch den Abend über immer wieder weinen musste und irritierte Blicke von allen Seiten erntete… ehrlich gesagt war mir das aber auch vollkommen egal.

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28.06.2016, Fromista – Carrion de los Condes:

Neuer Tag, neues Glück.

Gestern ging es mir wieder etwas besser, während ich mich langsam durch die Meseta bewegte, überlegte ich, was ich aus diesem Tief für mich ziehen konnte, und wie der Weg mich mit bereits früher durchlebten Mustern meines Lebens konfrontierte.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran dass mir hier irgendjemand Zeichen schickt, doch der Camino besitzt die Magie, jeden Pilger durch den täglichen Mix aus körperlicher Anstrengung und den vielen zwischenmenschlichen Begegnungen, den täglichen wechselnden Herbergen, etc. zwangsläufig mit seinen eigenen Verhaltensstrategien und damit auch mit seinen Defiziten zu konfrontieren.

Nachdem Stopp in der vollkommen verrückten Hippie-Herberge Amanecer in Villarmentero und dem ersten Zusammenfassen der Ereignisse der letzten Tage begann es mir besser zu gehen, wenn Esel, Gänse und Hühner den Tisch um Dich herum in Beschlag nehmen ist es auch schwer, traurig zu sein 😉

Abends traf ich in der Herberge Santa Maria in Carrion de los Rondes auf ein paar flüchtige Bekannte vom vorletzten Tag, drei junge Deutsche, sowie einen Vater mit ihrer Tochter. Den ersten Abend meiner Reise verbrachte ich deutsch-sprechend und konnte einfach nicht anders als wieder aufgeheitert zu werden, besonders die zwei 18-jährigen Jungs waren einfach der Knaller und trafen genau meinen Humor. So schnell kann es gehen, eigentlich hatte ich gedacht ich würde den Abend ziemlich einsam und traurig verbringen, im Endeffekt endete er damit, dass wir wein-trinkend auf dem Marktplatz saßen und am Ende gemeinsam Charlie Chaplins Rede an die Menschheit aus „Der große Diktator“ lauschten 😉

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imageDamit wäre der Blog wieder auf dem neuesten Stand und alle erlebten Geschichten sind für Dich hautnah mitzuverfolgen. 🙂 Heute quäle ich mich einfach nur über einen monotonen Feldweg nach dem Nächsten und bin froh, wenn ich in 6km mein heutiges Ziel Ledigos erreicht habe. 23km Hölle! 😉

Ich bin froh wenn es in ein paar Tagen wieder ein bisschen Abwechslung zu sehen gibt!