Heute Mittag hatte ich Dir mitgeteilt, dass ich mich derzeit 20km hinter Santiago befinde, nachdem ich den Jakobsweg, wie schon Millionen von Pilgern vor mir, offiziell erfolgreich beendet habe.

Diese Reise ist vorbei– und doch geht sie weiter.

100km bis ans Meer, um schlussendlich der Sonne zusehen zu können wie sie hinter den Steinen des Leuchtturms am „Ende der Welt“, in Finisterre, im Meer versinkt.

In den letzten Tagen habe ich meine Ressourcen bis zum Letzten ausgeschöpft, was ich daran bemerke, dass ich mich am Morgen nicht mehr ausgeruht sondern vielmehr durchgängig erschöpft fühle, die Füße nicht mehr aufhören zu schmerzen und ich permanent Appetit verspüre, wahrscheinlich weil ich es versäumt habe, meinem Körper während der Strapazen in den letzten Wochen die Menge an Vitaminen und Mineralstoffen zuzuführen die er benötigt hätte.

Mittlerweile ist es Abend und ich befinde mich immernoch in Negreira, ich habe mich dafür entschieden den Tag zum Ausruhen zu nutzen, mir ein ausgiebiges und gesundes Abendessen zu gönnen und dann morgen früh zu schauen ob ich fit genug zum Laufen bin oder den Bus für die letzten 50km nehmen werde.

Zeit also für eine kleine Geschichte! 

Wer ist eigentlich diese Dani die Dir hier schreibt und vor allem- warum tut sie das? Mach‘s Dir bequem und schnapp Dir einen Tee, los geht’s! 🙂

Ich bin Dani-  diese Info ist Dir wahrscheinlich bekannt.

Ich bin vor ein paar Tagen auf dem Camino 28 Jahre alt geworden und aufgewachsen im ländlichen Niedersachsen, ziemlich genau im Nichts zwischen Bremen und Hamburg.

Als Kind kam es mir oft so vor als würde ich auf irgendeine Weise nicht reinpassen, ein Gefühl, ein nicht greifbarer Gedanke im Hinterkopf… etwas stimmte nicht mit der Umgebung in der ich mich befand, ich gehörte nicht rein… die Menschen funkten auf einer anderen Wellenlänge- oder ich auf der Falschen?

Oft plagte mich der Gedanke ‚Was stimmt nicht mit mir?‘ 

Ich wollte den Fehler bei mir finden und ausbessern, um auch dazu zugehören. Ich wollte sein wie die Anderen und nicht allein. Oft fühlte ich mich einsam.

Oft hatte ich das Gefühl mich aus der Vogelperspektive selber zu beobachten, eine Figur die wie in einem Computerspiel durch eine künstliche Welt gesteuert wurde… oft dachte ich, dass mein Leben nur zwei Ausgänge haben könnte: entweder etwas Großes würde auf mich warten wenn ich mir nur genug anstrengen würde es zu finden, oder ich würde scheitern.

Als ich älter wurde stand erstmal Eins fest: raus aus dem Dorf.

Ich zog in die Nähe von Berlin um dort zu studieren. Mittlerweile hatte ich mich an das Gefühl des Andersseins gewöhnt, es war mir egaler geworden was die Masse der Menschen von mir hielt. Ich wollte herausfinden was dieser Drang in mir war, das ich bisher nur bei wenigen anderen Menschen auch gespürt habe.

Doch niemand gibt Dir eine Bedienungsanleitung für Dein Leben… aus Fehlern lernt man, Trial and Error. Ich wollte alles entdecken, tat Dinge die mich nicht glücklich machten, es gab Zeiten in denen mir alles egal war und ich keine Hoffnung mehr sah die Spur noch zu finden.

Auf die bereits noch in Niedersachsen abgeschlossene Lehre zur Verfahrensmechanikerin folgte ein abgebrochenes Studium folgte ein einjähriges Praktikum zur Vergolderin folgte eine Ausbildung zur Luftverkehrskauffrau und die Arbeit für eine Airline. In Allem was ich anfing war ich gut und erfolgreich, gab 110 Prozent… ich kämpfte um gute Noten, gab Alles im Job, kämpfte in verschiedenen Beziehungen… doch wofür?

Der Weg, den ich als Kind noch so sehr gespürt hatte verschwand immer mehr aus meinem Blick.

Der Glaube daran etwas zu bewegen, eine Antwort zu finden, an einen Ort, ein Ziel, eine Erkenntnis zu gelangen, dieses nicht greifbare, aber mögliche Ziel, verschwanden immer mehr. Viele Jahre waren ein einziger Kampf, in dem ich auf genau eine Person zählen konnte: mich selber.

Ich gab jedoch nie ganz auf, auch wenn an der ein oder anderen Stelle nicht viel fehlte. 

Heute kann ich sagen, dass ich glücklich bin an dem Punkt zu sein, an dem ich mich jetzt befinde. Lange nicht am Ziel, doch ein ganzes Stück weiter… vor einem knappen Jahr habe ich meinen Job in Berlin gekündigt und erneut von Null in Hamburg angefangen, arbeite nun halbtags in einem veganen Cafe und den Rest der Zeit an einem Traum: Kreativität, Freiheit und einen positiven Lebensstil zu verbinden und irgendwann davon leben zu können.

Ich habe wieder Hoffnung und Feuer für das was ich tue, sehe einen Sinn und sehe, dass es Sinn macht, für die guten Dinge in der Welt zu kämpfen. Dass man aus dem Hamsterrad des Alltags ausbrechen, und einen Unterschied machen kann.

Ich bewundere die Menschen die vor mir den Mut hatten auszusteigen. Die wie ich ihre guten Jobs kündigten, ihrem Herzen folgten und einem Traum nachrannten, die glücklich und angekommen sind mit dem was sie tun.

Die keine Angst haben, Entscheidungen zu treffen für die sie belächelt oder angefeindet werden, vielleicht aus Missverständnis oder Neid, die die graue Masse bunt machen, die Geschichten zu erzählen haben.

Mit denen man Abends zusammensitzen möchte und einfach nur zuhören, wie sie von den Abenteuern ihres Lebens berichten.

So möchte ich werden. Ich möchte mich nicht unterkriegen lassen und nie die Kraft verlieren MEINEN Weg zu gehen, ich möchte nicht mit der Masse zu schwimmen und untergehen im Konsum. 

Ich möchte mich nicht mehr davor fürchten zu wenig Geld zum Leben, oder eine Lücke im Lebenslauf zu haben. 

Ich möchte mich nicht gegen ein buntes Bild auf meiner Haut entscheiden, weil es Irgendjemand, dem ich meine Arbeitskraft anbiete, als unangemessen empfinden könnte und mich daher nicht einstellen. Oder Menschen mich aufgrund dessen vorschnell be- oder abwerten könnten.

Ich möchte ein Leben als die Person führen die ich bin, nicht die, die von mir erwartet wird.

Und ich möchte für meine Überzeugungen einstehen, die sooft als naiv oder unrealistisch abgetan wurden… Ich möchte für eine Gesellschaft kämpfen in der es um ein Miteinander geht, nicht um ein Gegeneinander. In dem Menschen sich auch über Landesgrenzen hinweg zusammengehörig fühlen und in dem Schwächere, egal ob Mensch oder Tier, nicht benutzt und ausgebeutet werden.

Ich möchte dass es möglich ist, auch über Schwächen und Probleme reden zu können, statt das Gefühl zu haben funktionieren und einen Schein wahren zu müssen.

Der Grund dafür warum ich diesen Blog so ehrlich und offen schreibe.

Auch wenn es immer Tiefpunkte und schlechte Tage geben wird, habe ich, vielleicht auf dem Weg, vielleicht auch schon früher, meine Stärke wiedergefunden und will mich nie mehr unterkriegen lassen!

Lass uns gemeinsam bunt und frei und stark sein!

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